[Buchrezension]

Wer sich gut um sich selbst kümmert lebt glücklicher und zufriedener. Doch was bedeutet Selbstfürsorge überhaupt und wie integrierst du es in dein tägliches Leben? Das Buch „Das Prinzip Selbstfürsorge“ bietet einige interessante Ansätze.

Als ich jung war, habe ich mir nie Gedanken darum gemacht. Nachdem ich Mutter wurde, war es plötzlich eine Riesenbaustelle: Selbstfürsorge.

Plötzlich schienen die eigenen Bedürfnisse und Wünsche nicht mehr erfüllbar. Wie auch, wenn zwei Babys wortwörtlich um Aufmerksamkeit schreien.  Wenn Prioritäten, soziale Netze, Karriere und freie Selbstbestimmung einen Schuss vor den Bug bekommen und erst wieder neu sortiert werden müssen.

Es gab eine Zeit, da war ich Unzufrieden. Sehr unzufrieden. Mit meinem Leben und auch mit mir selbst. Ich mochte mich gar nicht mehr leiden: die dünnhäutige Zicke, die bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fährt.  Mein Alltag und meine Ziellosigkeit kotzten mich an.

Gleichzeitig fühlte ich mich machtlos und diesem Zustand ausgeliefert. Ich wusste, ich musste etwas tun. Besser für mich selbst sorgen.

Doch wie nur?

Auf der Suche nach der Selbstfürsorge

Zum Glück ist ja das Netz voller Ideen und Listen, wie du für dich selbst besser sorgen kannst. Das ist zwar alles nett, so richtig geholfen hat es mir allerdings auch nicht:

Eine tägliche fünf Minuten-Kaffeepause oder die ab-und-zu Wellness-Session im heimischen Bad hat es wirklich nicht rausgerissen.

Yoga und Meditation? – Nicht mein Ding.

Achtsamkeit? – Auch kein Allheilmittel.

Irgendwann entschied ich einfach vermehrt Dinge zu tun und Entscheidungen zu treffen, die nicht unbedingt den Bedürfnissen und Vorstellungen anderer entsprechen.

  • Ich entschied mich für eine Bauchdeckenstraffung – auch wenn ich dadurch wochenlang als vollumsorgende Mutter ausfiel und der Bodypositivity-Bewegung quasi den Stinkefinger zeigte.
  • Ich entschied mich für einen neuen Job – auch wenn das bedeutete, dass meine Jungs mehr Stunden im Kiga verbringen.
  • Ich entschied mich dazu, mir kinderlose Freiräume zu schaffen – auch wenn das (gefühlt) bedeutete, dass ich die Verantwortungslast auf andere ablud.

Dadurch wurde es besser und ich deutlich zufriedener.

Wenn mich also damals jemand gefragt hätte, was Selbstfürsorge bedeutet, hätte ich geantwortet: ‚Entscheidungen für sich selbst treffen‘

Nun, so falsch ist das nicht.

Richtig aussagekräftig und pragmatisch aber auch nicht.

Dann wurde mir von einer lieben Leserin das Buch „Das Prinzip der Selbstfürsorge“ von Dr. med. Tatjana Reichhart empfohlen.

Und alles fügte sich zusammen.

Was bedeutet Selbstfürsorge

Wie lässt sich Selbstfürsorge beschreiben? Was beinhaltet sie?

Eine allgemeingültige Definition gibt es nicht. Dr. Reichhart wählt für ihr Buch einen pragmatischen Ansatz zwischen den Extremen Aufopferung und Egoismus:

„Selbstfürsorge ist die Voraussetzung, um den Belastungen und den Anforderungen des Alltags stand zu halten. Es fordert die Eigenverantwortung, aktiv die Balance zu halten.“

Dabei umfasst die Selbstfürsorge viele Teilaspekte. Die Selbstliebe zum Beispiel. Verbindlichkeit sich selbst gegenüber. Loslassen. Akzeptanz.

Und ja, es geht auch darum Entscheidungen zu treffen.

Die Basis: die eigenen Bedürfnisse kennen

Die Befriedung der eigenen Bedürfnisse macht uns glücklich. Doch was sind diese Bedürfnisse eigentlich?

Laut Dr. Reichhart sind Schlaf, Bewegung (ja, auch bei Couchpotatoes) und sozialer Kontakt drei allgemeingültige Bedürfnisse, deren andauernde Nichterfüllung zu Unmut und Stress führen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich Sport rein gedanklich nicht auf meine Bedürfnis-Liste gesetzt hätte. Nachdem ich es jetzt aber tatsächlich regelmäßig tue, weiß ich, wie viel ausgeglichener und ruhiger ich dadurch bin.

Lesetipp: Warum du als Mama Frühsport treiben solltest

Naja und dass zu wenig Schlaf auch nicht gerade glücklich macht, muss man uns Muttis nicht erklären…

Darüber hinaus musst du aber selbst erforschen und erspüren, welche Bedürfnisse du hast und wie du diesen gerecht wirst.

„Manche Bedürfnisse werden uns erst bewusst, wenn wir etwas Neues oder anderes machen, wenn wir ihnen also Raum geben […] Hier hilft nur experimentieren“.

Besonders interessant: Im Buch geht Dr. Reichhart diesem Zusammenhang auch auf das Erkennen und Hinterfragen von Glaubenssätzen ein. Diese sind oftmals die größten Hürden, uns besser um uns selbst zu kümmern – vielleicht kommt dir der eine oder andere bekannt vor:

  • Erst die Arbeit, dann das Vergnügen
  • Sei doch nicht so empfindlich
  • Was denken bloß die Nachbarn
  • Geht nicht, gibt’s nicht
  • Meine Kinder haben immer Priorität

Selbstfürsorge lernen – Schritt für Schritt

Selbstfürsorge passiert nicht von heute auf morgen. Vielmehr ist es ein kontinuierlicher Prozess, der ganz unterschiedliche Facetten umfasst.

Im Buch wird dieser Prozess in acht Meilensteine unterteilt. Diese Meilensteine sprechen verschiedene Teilbereiche an, die letztendlich ein großes Gesamtbild ergeben:

  1. Umgang mit Energieräubern
  2. Ressourcen aufbauen
  3. Optimismus stärken
  4. Achtsamkeit – vom Automatismus zum überlegten Handeln
  5. Selbstwirksamkeit und -verantwortung stärken
  6. Sich selbst und anderen Grenzen setzen
  7. Soziale Beziehungen und Verhalten
  8. Loslassen

Ohne jetzt im Detail auf alle Meilensteine einzugehen, sind mir diese drei Punkte besonders im Gedächtnis geblieben

Beim Thema Selbstfürsorge stehen wir uns meistens selbst im Weg

Selbstfürsorge scheitert nicht an fehlender Zeit oder Gelegenheit.  Vielmehr sind es festsitzende Glaubenssätze und eine überzogene Anspruchshaltung an uns selbst.

Auch ich wollte die aufopfernde Mutter, selbstbestimmte Frau, umsorgende Partnerin und erfolgreiche Mitarbeiterin sein. Gut sein, ja gar überragend in jedem Teilaspekt meines Lebens. Das hat niemand von mir erwartet – außer ich selbst. „Unproduktive“ Zeit war für mich daher undenkbar. Dabei sind Pausen und Ruhephasen ein wichtiger Faktor für innere Ruhe und Ausgeglichenheit.

Hinterfrage dich also, warum du tust, was du tust. Ist es wirklich eine unumgängliche Aufgabe, die du jetzt und in dieser Intensität ausführen musst?

Oder ist es vielleicht nur die (vermeintliche) Erwartungshaltung anderer bzw. dein eigener, überzogener Anspruch…

Lesetipp: Elterngeneration Überforderung – und wie wir uns daraus befreien

Wir entscheiden aktiv und selbstbestimmt, wie wir unsere Zeit verbringen

Ich habe überhaupt keine Zeit für mich!

Besonders in den Babyjahren empfand ich meinen Alltag komplett fremdbestimmt. Der Tag bestand nur aus Dingen, die ‚getan werden müssen‘.

Wann sollte ich mich bitte um mich selbst kümmern?

Auszug Buch Das Prinzip Selbstfürsorge

Das Buch enthält Beispiele und Übungen zum besseren Verständnis

Dr. Reichhart erklärt in ihrem Buch, dass unsere Haltung gegenüber dem, wie wir unsere Zeit verbringen, eine große Rolle spielt. Das heißt, es macht einen großen Unterschied, ob ich mich (nach reiflicher Überlegung) aktiv dazu entscheiden etwas zu tun, oder ob ich mich dazu gezwungen fühle.

Darüber hinaus hilft es, verbindliche Termine mit sich selbst zu organisieren. Wobei verbindlich hier das Schlüsselwort ist. Das heißt: Plane zu einer konkreten Zeit eine konkrete Aktivität die dir guttut. Andernfalls ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Zeiten im Alltagsrauschen verschwinden.

Selbstfürsorge fühlt sich im ersten Moment nicht immer super an

Um besser für uns selbst zu sorgen müssen wir lernen, Muster zu brechen und Glaubenssätze zu hinterfragen. Dementsprechend kann es durchaus sein, dass sich die „richtige“ Entscheidung erst einmal alles andere als gut anfühlt.

„Schlechte Gewissen kann man aushalten und gehen wieder weg“

Am Wochenende mache ich nach dem Mittagessen ein kleines Nickerchen. Meine Kinder? – sind vorm Fernseher oder beim Ehemann geparkt.

Anfangs hatte ich deswegen schon ein komisches Gefühl – darf ich mich so einfach faul ins Bett legen? Schließlich könnte ich auch mit den Jungs spielen. Oder die Wäsche sortieren. Oder meine Emails abarbeiten.

Könnte ich. Ich lege mich aber viel lieber einfach eine halbe Stunde hin.

Es ist einfach nur wunderbar!

Und siehe da: die Welt dreht sich noch, alle haben noch genug Klamotten im Schrank, und vermisst hat mich auch keiner. Weder offline noch online 😊

Fazit

„Das Prinzip der Selbstfürsorge“ von Dr. med. Tatjana Reichhart ist ein umfangreicher Ratgeber rund um die verschiedenen Aspekte, Hürden und Möglichkeiten der Selbstfürsorge.

Besonders gefallen am Buch hat mir die Nähe zur Realität – dann natürlich tragen wir alle Verantwortung und haben Pflichten, denen wir nachkommen müssen. Dr. Reichhart schafft es jedoch –mit anschaulichen Situationsbeispielen – in diesem Umfeld echte Möglichkeiten und Potenziale zur Selbstfürsorge aufzuzeigen.

In einigen Punkten hat mich das Buch bestätigt. Einiges war mir neu bzw. hatte ich noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet. Darüber hinaus habe ich nun ein besseres Verständnis welche Facetten die Selbstfürsorge umfasst und wie diese zusammenhängen.

Kurzum: Ich kann das Buch nur empfehlen! Erhältlich im Buchgeschäft deines Vertrauens oder via Amazon*

***Hiermit möchte ich mich auch herzlich bei Juliane für diesen tollen Buchtipp bedanken!***

 Silvia

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