Unsere Kinder sollen nicht lügen. Die Wahrheit kann mitunter aber sehr verletzend sein. Der Respekt vor den Gefühlen anderer ist Zweifachmama Carina sehr wichtig – doch wie erklärst du Kindern den respektvollen Umgang?

Immer mehr bekomme ich mit, dass Eltern zu ihren Kindern sagen: „Ja, also, die Wahrheit darfst du sagen.“

Meistens ist das aber nicht als Lob gegenüber dem Kind gemeint, dass es nicht gelogen hat. Vielmehr dient es als eine Rechtfertigung dafür, dass die Kinder etwas sagen, was wir Erwachsene lieber für uns behalten hätten.

Also zum Beispiel: „Die Frau hat ja einen dicken Hintern“ – Naja, also, die Wahrheit darf man ja sagen.

Oder „Wie komisch spricht der denn?!“ – Naja, also die Wahrheit darf man ja sagen?

Wie immer ist es wohl das gesunde Mittelmaß. Ich bin so erzogen worden, dass ich dem Friseur lieber sage, dass ich eine bezaubernde Frisur habe – obwohl ich mich fühle wie ein Pudel. Sonst könnte ich ja unhöflich sein.

Zum Glück ist das heute nicht mehr so.

Aber ist es denn falsch, sich ein bisschen in andere Menschen hineinzudenken? Falsch, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen? Falsch, solche Situation nicht einfach mit einem Spruch und Achselzucken abzutun, sondern darüber zu sprechen?

Unser Moment der „Wahrheit“

Da war es heute wieder. Dieser Moment, in dem du als Mama deine Kinder mit offenem Mund anschaust und dich fragst, wo dieses Loch ist, in das du dich verkriechen kannst.

Wir waren heute mit unseren Nachbarn auf der Straße und meine, gerade 4 Jahre alt gewordene Räubertochter zeigt jedem stolz, dass sie jetzt schon richtig gut Fahrrad fährt.

Jedes Mal, wenn sie an den zusammenstehenden Eltern vorbeifuhr und einer von uns ihr sagte, wie gut sie das macht, wurde meine Große noch ein Stück größer.

Bis, ja, bis sie vor unsere Elternschar eine Vollbremsung vollführte, direkt auf unseren Nachbarn zuging und ihm mit in den Hüften gestemmten Händen entgegenschmetterte:

„Aber dein Toni, der ist schon ein Jahr älter wie ich und der kann noch gar nicht Fahrradfahren!“

Stille.

Nein nicht ganz.

Da war ihr schelmisches, ein bisschen freches Lachen – und plötzlich auch das leise Schluchzen unseres Nachbarsjungen.

Schluck.

Nichts von dem, was sie sagte war falsch, doch die Art und Weise wie sie es lautstark kundtat, war so nicht nötig gewesen. Der Kleine tat mir wahnsinnig leid, und die strafenden Blicke meiner, ihren Sohn tröstenden, Nachbarin konnte ich gut nachvollziehen.

In der Situation bin ich ruhig geblieben. Und Nein, ich habe nicht „Naja, die Wahrheit…“ gesagt. Stattdessen habe ich – leicht überfordert – etwas von „Ach, du weißt doch, dass er es auch schon fast kann…“ gemurmelt, es aber ansonsten so stehen lassen.

Wie erklärst du Kindern einen respektvollen Umgang?

Bevor ich meine Große am Abend ins Bett brachte, musste ich noch einmal über die Situation reden.

„Schatz, auch wenn du mal was Besser kannst, wie jemand anderes, dann muss man nicht so darüber reden und das auch nicht so rausschreien. Der arme Toni hat sich, glaub´ ich, ein bisschen geschämt. Und dafür gibt’s doch überhaupt keinen Grund.“

„Mama, aber das stimmt doch. Kann der Toni denn überhaupt schon Fahrrad fahren?“

„Nein, kann er nicht. Der Eine lernt Fahrradfahren früher, der Andere später. Aber Schatz, dafür kann der Toni schon viele Dinge, die du nicht kannst.“

„Nein, kann er nicht“

Jetzt musste meine Erklärung sitzen!

„Doch, zum Beispiel kennt er sich super aus mit Tieren, Pflanzen, Dreschen, Aussähen… davon haben wir leider keine Ahnung. Oder zum Beispiel deine Freundin, die geht mit ihrer Mama regelmäßig reiten. Wir Zwei würden im Stall wahrscheinlich noch nicht mal die Pferde finden“

Auf diese Art habe ich ihr versucht noch viele Beispiele zu geben.

Mein Mann stand genervt im Türrahmen und fragte mich, wie lange ich das jetzt noch mit ihr durchkauen will. Sooo schlimm war das doch nicht.

Schlimm? Nein, aber ein bisschen gegenseitigen Respekt zu zeigen, dass ist auch nicht schlimm. Darüber muss vielleicht auch einfach mal geredet werden.

Bei meiner großen Räubertochter rauchte der Kopf.

Und dann plötzlich mitten in die Stille, dieser eine Satz: „Mama, ich hab´s verstanden. Gott hat jeden anders gemacht, jeder kann was Anderes gut und deswegen lachen wir niemanden aus. Und mich… mich hat er halt am Schönsten und am Schlausten gemacht.“

Chapeau, na dann gute Nacht, meine Schöne 🙂

……

Wie geht’s euch in solchen Situationen? Lieber die Wahrheit oder doch ein bisschen Rücksicht? Nehm ich das vielleicht zu ernst? Warum machen wir das mit „Die Wahrheit darf man sagen“? Mir ist das auch schon rausgerutscht. Ist es vielleicht so am einfachsten, sich aus der Situation rauszureden?

Oder für die, die das auch nicht einfach so stehenlassen wollen, wie handhabt ihr das? Sprecht ihr das direkt in der Situation an oder später?

Ich schick euch liebe Grüße,

Carina

Carina Hofman

Ich bin Carina, 31 Jahre, Mama zweier Räubertöchter, 2 und 4 Jahre alt. Meine Mädels und ich lieben alles was mit DIY zu tun hat, sei es backen, basteln, töpfern, nähen, oder Handwerken. Oder wir spielen und toben zusammen mit laut aufgedrehter Musik. Gerade haben wir mit viel Eigenleistung unser Haus fertig gestellt – jetzt ist der Garten dran. Außerdem bin ich überall aktiv, was mit meinen Kindern zu tun hat: Kinder-Gartenbauverein, Kinderturnen, Elternbeiratsvorsitzende. Wenn ich also nicht auf Arbeit sitze, bin ich chronisch in Zeitnot 🙂

Dass ich schreibe, ist ein Versuch, mich mit verschiedenen Mama-Kids Themen auseinander zu setzen, über die ich sonst gerne nachts im Bett grüble 🙂 und einfach auch um ein bisschen zu zeigen, was wir so machen –  getreu dem Motto „Kein Ziel, kein Plan, aber immer was zu Lachen“.

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