Babys und kleine Kinder nehmen gerne alles in den Mund. Das ist mir schon klar. Die sogenannte Orale Phase ist wichtig für die Entwicklung unserer Kleinen. In diesem Alter ist der Tastsinn über den Mund viel weiter entwickelt als der Sehsinn und daher ein wichtiges Instrument zur Erfahrung seiner Umwelt. Darüber hinaus unterstützt dieses Zum-Mund-führen auch die motorische Entwicklung. Ich verstehe es. Das tue ich wirklich.

Aber wie bei allem anderen auch gibt es Kinder, die mehr oder weniger ausgeprägt durch diese Phase gehen. Nun möchte ich einmal behaupten, dass unser Piccolo ganz weit oben auf der Ausprägungsskala anzusiedeln ist. Er ist unser Staubsaugerbaby. Schließlich betastet und begutachtet er nicht nur alles, was ihm zwischen die Finger kommt mit dem Mund, nein, er muss auch noch alles essen. Wirklich alles.

Das Baby als Konkurrent zum Familienhund

Es fängt früh morgens bereits an. Während ich noch schlaftrunken zur Kaffeemaschine wanke, macht sich Piccolo erst einmal auf den Weg unter den Küchentisch. Aus Erfahrung weiß er, dass sich hier lauter leckere Krümel und Essensreste vom Vortag tummeln und nur darauf warten, entdeckt zu werden. Sämtliche Brösel werden mit den kleinen, nassen Patschhändchen aufgelesen und als Frühstücksapperitiv verputzt. Und sollte sich dabei herausstellen, dass es sich gar nicht um Essensreste handelt, sondern, sagen wir mal, um ein Blütenblatt oder ein verirrtes Styroporkügelchen aus der gestrigen Paketsendung, macht das gar nichts. Ist offensichtlich ebenso lecker.

Nach dem eigentlichen Frühstück, und nachdem er sich um die neuen Brösel vom Frühstück seines Bruders gekümmert hat, ist es Zeit zum Waschen und Anziehen. Meine erste Amtshandlung dabei ist es, im Kinderzimmer nach Taschentüchern in Greifhöhe Ausschau zu halten. Diese gehören zu Piccolos Leibspeise. Benutzt oder unbenutzt ist dabei vollkommen egal. Alternativ greift er sich jedoch auch gerne eine Windel aus der Großpackung neben dem Wickeltisch und beißt herzhaft ab.

Zum Glück ist Piccolo auch ein Kind, dass keine Berührungsängste hat. Während Primo vor allem im Hinblick auf Pflanzen und Tiere eher zurückhaltend ist und gerne nur aus der Ferne beobachtet, kennt Piccolo hier keine Grenzen. Sein Lieblingsspiel der letzten Wochen war das lustige Ich-rupfe-Papas-Lieblingspflanze-kahl-weil-die-Blätter-so-lecker sind – Spiel. Die Pflanze konnten wir nur noch durch das Exil ins Gästezimmer retten. Aber Tiere findet er auch super. Es wird geknetet und geklopft, was das Tier aushält. Zum Glück ist die Katze meiner Eltern nicht besonders kinderaffin, ansonsten hätte Piccolo bestimmt auch schon versucht, ihr die ein oder andere Katzenwäsche abzunehmen.

Die Orale Phase hinterläßt ihre Spuren

Und auch an anderen Stellen sind Verluste zu beklagen. Viele unserer Bücher und Bildbände beispielsweise sind um ihre Ecken erleichtert. Das Bücherregal musste schließlich evakuiert werden. Einmal habe ich Piccolo sogar dabei erwischt, wie er ein Stück aus unserem Sideboard nagen wollte. Zum Glück war das Holz dann doch der Sieger in diesem Duell. Und apropos Holz. Einer seiner liebsten Beschäftigungen ist es derzeit, sich ein Anzündholz aus dem Holzlager neben unserem Kamin zu schnappen und dieses in seinem Mund quer durchs Wohnzimmer zu tragen. Hin und wieder setzt er sich hin und kaut ein paar Runden darauf herum…

Draußen ist es sogar noch schlimmer. Als wir die ersten frühlingshaften Tage willkommen heißen durften, bin ich natürlich mit den Jungs sofort auf den Spielplatz gerannt. Ich habe noch nie ein Kind gesehen, dass so genüsslich Dreck isst wie unser Piccolo. Eine Handvoll Sand hier, ein Rindenmulch-Schnitzel da und ach, der Zigarettenstumpen dort drüben sieht aber auch köstlich aus. Ich war nur noch damit beschäftigt, das Kind vom Essen abzuhalten: „Nein, nicht essen“, „Nein, nicht in den Mund“ und natürlich „Nein, sofort Mund auf!“ – am Ende des Tages hörte mich an wie eine Schallplatte mit Sprung.

Deshalb hier mein Plädoyer: Liebe Orale Phase. Du bist wichtig, denn du lässt mein Baby die Welt für sich entdecken. Und dafür bin ich dir dankbar. Es war schön, dich kennengelernt zu haben. Doch ich möchte mich nun von dir verabschieden. Bitte geh jetzt. Ich bringe dich noch zur Tür und winke dir zum Lebewohl. Beglücke bitte jetzt ein anderes Kind mit deiner Anwesenheit. Viel Spaß!

Und hat sich diese erste Phase nun endlich verabschiedet, so steht schon der nächste Gast vor deiner Tür: die Anale Phase… Na Halleluja!