Arztbesuche mit Kindern sind ja grundsätzlich nervenaufreibende Ereignisse. Da gibt es die Zeit im Wartezimmer,deren Harmonie vom Sein oder nicht Sein einer Spieleecke abhängig ist. Dann die Untersuchung selbst, mal unspektakular in die Ohren schauen, mal hochdramatisch beim Blutabnehmen. Und schließlich, zwischen Hoffen und Bangen, das Untersuchungsergebnis. Dieses kann uns Aufatmen lassen oder in tiefe Verzweiflung stürzen.

Einer dieser Termine wird mir dabei immer in Erinnerung bleiben. Es war wohl der sinnloseste Arztbesuch aller Zeiten:

Der Arzttermin zum abgewöhnen

Wieso in aller Welt habe ich mich damals bei freier Auswahl eigentlich für einen Augenarzt in der Fußgängerzone entschieden. Nun, als Neumutti hatte ich den Augenarztbesuch romantischerweise mit einem Spaziergang und kleinen Besorgungen verbunden. Jetzt als frisch gebackene Zweifachmama mit einem drei Wochen alten Baby und einem Zweijährigen, der keine drei Meter alleine laufen möchte, gleicht dieser „Ausflug“ einem logistischen Großprojekt. Im Februar wohlgemerkt, bei 3 °C Aussentemperatur, alle in voller Wintermontur natürlich.

Aber den Termin muss ich wahrnehmen. Primo leidet schon seit Geburt an tränenden und entzündeten Augen. Das sind enge Tränenkanäle hieß es, das geht von alleine wieder weg, sagten sie. Halt nicht. Also Überschreibung vom Kinder- zum Augenarzt. Über 10 Wochen haben wir auf diese Audienz gewartet. Meine Hoffnung natürlich groß, dieses leidige Kapitel der ständig verklebten Augen endgültig zu beenden

Voller Tatendrang steuere ich also an Tag X den nächst gelegenen Großparkplatz an. Baby Piccolo wird ins Tragetuch gewickelt, Primo fährt komfortabel im Sportwagen. Soweit so gut, los gehts. Nach dem ersten Erfolgserlebnis eines schlafendenBabys auf meiner Brust dann der erste Rückschlag bei Ankunft an der Augenarztpraxis. Ach ja, barrierefrei war das Haus in dem die Praxis untergebracht ist ja auch noch nie. Das hatte ich wohl irgendwie verdrängt. Oder besser, bis jetzt war es auch nie ein Thema. Damals hatte ich ja noch zwei Hände und nur EIN Kind. Im übertragenen Sinne gesprochen. Tja, und wie bekomme ich jetzt mit einem Baby vor den Bauch geschnallt den Kinderwagen die fünf Stufen hinauf in die Eingangshalle? Ich stehe erst mal wie ein Depp vor der Eingangstür und zweifle an meiner Entscheidung für das Tragetuch.

Doch ich habe Glück. Ein vorbeikommender Passant erkennt meine missliche Lage sofort und hebt mir den Kinderwagen ins Treppenhaus. Halleluja! Geht doch. Das Tragetuch war eine super Idee. Piccolo schläft munter weiter. Jetzt nur noch anmelden und ab ins Wartezimmer. Was sollte jetzt schon noch schiefgehen? Im Wartezimmer gibt es eine großzügige Spielecke, Primo ist begeistert. Ich auch. Er schnappt sich den übergroßen Plastik-LKW und fährt darauf herum. Ich stehe, schunkele das Baby und hoffe dass wir bald dran kommen. Im dicken Winterpulli plus 8m Tragetuch plus 4kg atmender Heizkörper wird es mir langsam aber sicher warm.

Doch die Erlösung naht „Gehen Sie bitte schon mal vor zum Untersuchungsraum Zwei, da bei den Stühlen“. Ich nicke eifrig und hole Primo. Oder besser gesagt versuche ihn vom Plastik-LKW zu ziehen. „AAAUUDO, AAUDO“ kreischt er und klammert sich fest. Eine Trennung unmöglich. Genause unmöglich wie ihn einfach wegzutragen. Danke Tragetuch. Ich rede mit Engelszungen auf ihn ein, versuche ihn noch einmal herunterzuheben. Die Schreie hallen nur so durch den Altbau. Alle Augen sind auf uns gerichtet. Ich fange an zu schwitzen.

„Dann nehmen Sie das Auto doch einfach mit nach vorn“ versucht die Sprechstundenhilfe die Situation zu entschärfen. Erziehungstechnisch natürlich ein Supergau, ist mir in diesem Moment aber zum Glück piepegal. Dies ist nur eine Schlacht. Der Krieg deswegen noch lange nicht verloren versuche ich mich zu trösten. Der LKW kommt mit. Ein glückliches Kinderlächeln. Stille.

Ja, und auch der Untersuchungsraum wird nur mit dem LKW betreten. Nein, wir setzen uns auch nicht in den Untersuchungsstuhl. Der obligatorischen Sehtest seitens der Arzthelferin wird auch nur auf dem LKW sitzend absolviert. Mitlerweile laufen mir die Schweißperlen den Rücken herunter. Vor meinem inneren Auge verbrenne ich den Spielzeug-LKW auf meinem persönlichen Scheiterhaufen.

Ah! Jetzt aber, der Augenarzt persönlich. „Ach lassen Sie ihn doch auf dem Auto sitzen. Was ist denn das Problem?“. Eifrig schildere ich die Krankheitsgeschichte und schaue ihn erwartungsvoll an. Der Arzt schaut von gefühlt 100m Entfernung auf mein mit dem LKW spielendes Kind „Da kann man nichts machen, ist auch nicht weiter schlimm, muss man halt immerwieder trocken wischen“. Sprichts und geht. Naja, er verabschiedet sich noch voher, in meinem plötzlich eingetretenenStumpfsinn bekomme ich das nur kaum mit.

WHAAT.!! Das wars? Ungläubig schleiche ich aus dem Untersuchungsraum. Der LKW mit Kind rutscht hinter mir her. Schweißgebadet, entnervt und völlig desillusioniert mache ich mich auf den Heimweg. Aber halt. Da war ja noch was. Der Spielzeug-LKW. Der muss natürlich da bleiben. Showdown an der Garderobe. 15 Minuten, 1000 Tränen und viele gut gemeinte Ratschläge, aufmunternde und tröstende Worte anderen Patienten später steht der LKW wieder in der Spielecke. Primo steht schmollend an der Tür. Baby Piccolo dagegen hat tatsächlich alles verschlafen. Danke für die kleinen Wunder im Leben.

Zurück am Auto angekommen kann ich es immer nocht nicht glauben. Der ganze Aufwand für die Katz. Mit Herausschälen aus dem Tragetuch wacht Piccolo auch wieder auf. Und schreit. Ich platziere das protestierende Bündel neben seinen immer noch beleidigten Bruder auf den Rücksitz und schlage die Tür zu. Für einen Augenblick genieße die Stille. Was für ein Tag. Zum Abgewöhnen. Hoffentlich muss mein Mann heute nicht länger arbeiten. Schließlich mache ich mir Mut mit den Mantra aller Mama-Mantras: Auch das wird vorbeigehen!

Bildquelle: Fotalia / © Jenko Ataman